von Melissa Celmeur
Essstörungen: Hunger nach Identität
Auch wenn es nach außen hin so aussieht: Eine Essstörung ist selten nur ein Thema der Ernährung. Wenn man genauer hinschaut, wird schnell klar, dass es um viel mehr geht. Zum Beispiel um das Bedürfnis nach Kontrolle in einer Welt, die sich für viele Menschen unsicher anfühlt. Es kann um den Wunsch gehen, dazuzugehören oder um den Versuch, sich selbst irgendwie festzuhalten, wenn emotional alles einstürzt.
In einer Essstörung kann für viele Betroffene das eigene Essverhalten mit der Zeit zu etwas werden, das Identität stiftet. Niemand entscheidet sich bewusst für die Entwicklung einer Essstörung, man wächst dort unbewusst hinein. Essen, Nichtessen, Regeln, Zahlen oder Rituale werden zu etwas, das Halt gibt. Und manchmal wird am Ende eine leise, aber drängende Angst immer größer: Wenn das alles wegfällt, wer bin ich dann noch?
Essstörung vor einer Therapie: Kontrolle wird innerer Anker
Identität ist das, wonach wir suchen, wenn wir nicht so recht wissen und verstehen, wer wir eigentlich sind und was wir wollen. Gerade im jugendlichen Alter, aber auch in Umbruchphasen des Lebens, suchen Menschen nach Ankerpunkten. Manchmal wird dabei unbewusst das Essverhalten zu einem solchen Anker. „Ich esse kein Fleisch, keinen Zucker, nichts Weißes" kann zunächst wie eine Ernährungsphilosophie klingen. Bei manchen Menschen steckt dahinter jedoch ein tiefergehendes Muster. Die Kontrolle über das Essen ersetzt das fehlende Gefühl von Selbstwirksamkeit in anderen Lebensbereichen.
Verschiedene Essstörungen – ähnliche Muster
Es gibt bei den Essstörungen verschiedene Arten, die sich in ihrem Erscheinungsbild unterscheiden – Magersucht (Anorexia nervosa), Bulimia nervosa, Binge-Eating oder Orthorexie –, doch in einem Punkt ähneln sie sich auffällig: Die Betroffenen definieren sich über ihr Verhältnis zum Essen. Das „Ich esse nicht" oder „Ich esse und erbreche" oder „Ich esse nur natürlich und gesund" wird zur Antwort auf die eigentlich viel tiefer gehende Frage: „Wer bin ich, und wo gehöre ich dazu?“.
Soziale Medien können dieses Muster erheblich verstärken. Bilder makellos durchtrainierter Körper, Hashtags wie #CleanEating oder #BodyGoals schaffen eine scheinbare Gemeinschaft, aber gleichzeitig einen Vergleichsdruck, der für verletzliche Menschen zum Nährboden einer Essstörung werden kann. Das Essverhalten wird zur Maßeinheit für Anerkennung und Zugehörigkeit.
Loslassen, was einen gefangen hält
Die Herausforderung bei einer Essstörung und einer möglichen Therapie ist genau dieser Aspekt: Die Erkrankung fühlt sich für Betroffene oft nicht wie ein Problem an, sondern wie ein Teil von sich. „Ohne meine Ernährungsregeln bin ich nichts wert" – dieser Gedanke ist für viele real und beängstigend. Denn wer in diesem Sinne seine Essstörung aufgibt, verliert damit scheinbar auch seine Identität.
Deshalb greift eine rein symptomorientierte Behandlung zu kurz. Bei einer Essstörung muss eine gute Therapie tiefer ansetzen. Sie fragt nicht nur, was jemand isst oder nicht isst, sondern wer jemand ist – jenseits der Erkrankung. Identitätsarbeit ist dabei ein zentraler Bestandteil nachhaltiger Genesung. Die zu stellenden Fragen sind etwa: „Was gibt mir Halt? Was macht mich aus? Was will ich wirklich – wenn es in Wirklichkeit gar nicht das Gewicht oder die Kontrolle über das Essen ist?“
Heilung bedeutet, sich selbst kennenzulernen
In der Arbeit mit Essstörungen, bei denen mögliche Arten der Identifikation besonders stark ausgeprägt sind, wie zum Beispiel bei langjähriger Anorexie, braucht es Zeit, Geduld und ein therapeutisches Umfeld, das beides ermöglicht: das Loslassen alter Muster und das Entdecken neuer Selbstanteile. Das ist kein linearer Prozess. Es gibt Rückschritte, Momente der Leere und Unsicherheit sowie wellenartige Fortschritte. Und dennoch berichten viele Menschen, dass gerade dieser Teil der Therapie der nachhaltigste war.
Auch hier zeigt sich: Wenn die Essstörung in einer Therapie wirklich behandelt werden soll, muss sie die Person in ihrer Ganzheit sehen, nicht nur das Symptom. Menschen sind mehr als ihr Essverhalten. Genau das wieder spüren und glauben zu können, ist oft der erste echte Schritt in Richtung Gesundheit.
In der My Way® Klinik begleitet unser therapeutisches Team Menschen mit der intensiven stationären Behandlung auf genau diesem Weg – individuell, ganzheitlich und auf Augenhöhe innerhalb unseres Therapiemodells. Empfohlen wird intensive Einzeltherapie und störungsspezifische Therapiemodule, insbesondere Selbstwert/Selbstakzeptanz, emotionales Training, Selbstmanagement, Achtsamkeitstraining, Schemata und Wertesystem sowie Ernährungsberatung, Entspannung und Physiotherapie und gegebenenfalls Sport.