von Melissa Celmeur

Wenn „gesund“ krank macht: Orthorexie

Orthorexie, oder auch Orthorexia nervosa, ist der Name für eine Essstörung, bei der sich Betroffene zwanghaft mit gesunder oder „richtiger“ Ernährung beschäftigen. Der Begriff der Orthorexie wurde 1997 vom amerikanischen Arzt Steven Bratman geprägt und setzt sich aus den griechischen Wörtern orthos (richtig) und orexis (Appetit) zusammen. Im ICD-10, dem internationalen Krankheitsklassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation, wird die Störung geführt als „F50.9 Essstörung, nicht näher bezeichnet“.

Was oft mit dem Wunsch nach einer gesunden Lebensweise beginnt, entwickelt sich schleichend zu einer nahezu zwanghaften Fixierung. Betroffene kategorisieren Lebensmittel strikt in „gut“ und „schlecht“, wobei ihre Definition von „gesund“ im Laufe der Zeit immer rigider wird.

Orthorexia nervosa und ihre Symptome

Betroffene der Orthorexia nervosa weisen mehrere Symptome auf. Sie achten hauptsächlich obsessiv auf die Qualität und Zusammensetzung ihrer Nahrung, entwickeln eigene, sehr individuelle Ernährungsregeln und verbringen immer mehr Zeit mit der Planung und Zubereitung ihrer Mahlzeiten. „Richtiges Essen“ wird zum alles beherrschenden Thema des Alltags.

Mahlzeiten in Gesellschaft oder Restaurantbesuche werden zunehmend vermieden, da sie nicht mit den strengen Ernährungsregeln vereinbar sind. Dadurch ziehen sich Menschen, die an Orthorexie erkrankt sind, oft aus ihrem sozialen Umfeld zurück und vernachlässigen andere Lebensbereiche.

Das bedingungslose Einhalten der selbst auferlegten Regeln ist bei Orthorexia nervosa ein zentrales Symptom und vermittelt den Betroffenen ein Gefühl von Kontrolle und Erfolg. Durch die Lebenswirklichkeit bedingte Abweichungen hingegen lösen Schuldgefühle aus und verstärken die Angst, der eigenen Gesundheit zu schaden.

Ob und wann bei Orthorexia nervosa eine Therapie notwendig ist, hängt davon ab, wie stark der subjektive Leidensdruck ausgeprägt ist und in welchem Maß die Lebensqualität eingeschränkt wird.

Orthorexia nervosa-typische Symptome sind:

  • Stundenlange Beschäftigung mit der Essensplanung und -zubereitung
  • Strikte Vermeidung bestimmter Lebensmittelgruppen
  • Schuldgefühle oder Angst beim Verzehr „verbotener" Lebensmittel
  • Sozialer Rückzug, wenn das eigene Ernährungsverhalten nicht eingehalten werden kann
  • Selbstwertgefühl, das stark an die Einhaltung der Ernährungsregeln gekoppelt ist

 

Im Gegensatz zu Anorexie oder Bulimie steht bei der Orthorexie nicht das Gewicht im Vordergrund, sondern die vermeintliche „Reinheit" der Ernährung. Orthorexie ist noch nicht offiziell als eigenständige Diagnose anerkannt.

Orthorexia nervosa: Diagnose und Therapie

Orthorexie nicht zu den „Sonstigen Essstörungen“ und wird zunehmend von Experten als ernstzunehmende Problematik diskutiert, da sie erhebliche gesundheitliche und soziale Beeinträchtigungen verursachen kann. Bratman, der Arzt, der das Krankheitsbild erstmals beschrieb, stellte den nachfolgenden Fragenkatalog zur Überprüfung einer möglichen Orthorexia nervosa auf:

  • Denken Sie täglich 3 Stunden oder länger über Ihre Ernährung nach?
  • Planen Sie Ihre Mahlzeiten im Voraus – oft mehrere Tage?
  • Ist Ihnen der Nährwert Ihrer Mahlzeit immer wichtiger als der Genuss?
  • Haben Sie den Eindruck, dass sich Ihr Wohlbefinden verschlechtert, obwohl Sie immer gesünder essen?
  • Werden Sie nach und nach immer strenger mit sich selbst?
  • Erhöht sich Ihr Selbstwertgefühl, wenn Sie gesünder essen?
  • Verzichten Sie auf Lebensmittel, die Ihnen gut schmecken, um nur noch „richtige” Lebensmittel zu essen?
  • Vermeiden Sie wegen Ihrer Essensgewohnheiten auszugehen, und distanzieren Sie sich deswegen von Ihrem sozialen Umfeld?
  • Haben Sie Schuldgefühle, wenn Sie von Ihrer Diät abweichen?
  • Fühlen Sie sich gut und sicher, wenn Sie sich gesund ernähren?

 

Risikofaktoren und Folgeerscheinungen bei Orthorexie

Bei der Orthorexia nervosa stehen die Symptome oft in einem komplexen Zusammenhang mit anderen Essstörungen. Der Versuch, sich möglichst gesund zu ernähren, kann paradoxerweise ein Versuch der Bewältigung bereits vorhandener Essstörungen sein, zum Beispiel etwa als vermeintlich „sicherere" Alternative zu offensichtlich problematischen Essmustern. Umgekehrt kann orthorektisches Essverhalten als Sprungbrett für die Entwicklung anderer Essstörungen dienen, da die bereits etablierten zwanghaften Denkmuster und das gestörte Verhältnis zum Essen den Übergang zu anderen Formen problematischen Essverhaltens erleichtern.

Die gesundheitlichen Konsequenzen von Orthorexia nervosa sind ohne entsprechende Therapien vielfältig und keineswegs trivial. Durch die zunehmend einseitige und restriktive Ernährung können erhebliche Fehl- und Mangelerscheinungen auftreten, da wichtige Nährstoffe, Vitamine oder Mineralstoffe systematisch ausgeschlossen werden. Ferner kann Orthorexia nervosa andere psychische Erkrankungen, wie Angststörungen begünstigen.

Die Orthorexia nervosa zu therapieren ist möglich

Orthorexia nervosa erfordert in der Therapie einen interdisziplinären Ansatz, der verschiedene Fachbereiche einbezieht. Zentral ist zunächst die Aufklärung der Betroffenen über ihre Essstörung und deren zugrundeliegende Ursachen, da viele Patienten ihr Verhalten zunächst als besonders gesundheitsbewusst fehldeuten.

Die Behandlung sollte frühzeitig in spezialisierten Fachabteilungen für Psychosomatik erfolgen, wie sie die My Way® Klinik bietet. Therapeutische Maßnahmen, insbesondere individuelle Psychotherapie, helfen bei der Aufarbeitung von Ängsten und zwanghaften Vorstellungen rund um das Essen.

Die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung hängen maßgeblich von zwei Faktoren ab: der Krankheitseinsicht der Betroffenen und dem Zeitpunkt des Behandlungsbeginns. Je früher die Störung erkannt und behandelt wird, desto günstiger ist in der Regel der Verlauf. Ohne angemessene therapeutische Intervention kann Orthorexia nervosa zu schwerwiegenden körperlichen Komplikationen durch Mangelernährung sowie zu erheblichen psychischen Belastungen führen, die das soziale und berufliche Leben nachhaltig beeinträchtigen können. Wenden Sie sich deshalb vertrauensvoll an Ihren Arzt oder an die My Way® Psychosomatische Klinik, wenn Sie den Verdacht haben, selbst an Orthorexie erkrankt zu sein, oder einer Ihrer Angehörigen.