von Melissa Celmeur
Binge-Eating: Unstillbarer Hunger nach sich selbst
Der Begriff „Binge“ bedeutet so viel wie „Gelage“ oder „Exzess“. Unter „binge eating“ versteht man demnach exzessives Essen – die Aufnahme von Nahrung deutlich über die natürlichen Bedürfnisse hinaus. Im Volksmund ist die Störung auch als Esssucht bekannt. Die Binge-Eating-Störung ist eine schwere psychologische Störung, die in der ICD-10 (10. Revision der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme der WHO) als nicht näher bezeichnete Essstörung eingeordnet ist. Diese scheinbar nebensächliche Einordnung darf nicht von der Ernsthaftigkeit und den gefährlichen Folgen der Binge-Eating-Störung ablenken: Die Essstörung kann lebenslange Folgeerkrankungen mit sich bringen.
So zeigt sich die Binge-Eating-Störung
Die Binge-Eating-Störung betrifft Männer und Frauen gleichermaßen und tritt insbesondere im späten Jugend- und frühen Erwachsenenalter auf. Leitsymptom sind regelmäßige Essanfälle, während derer die Betroffenen große Mengen an Nahrungsmittel zu sich nehmen. Die Mengen überschreiten deutlich die natürlichen Bedürfnisse und die Mengen an Nahrung, die andere Menschen in einer vergleichbaren Zeit zu sich nehmen. Während der Essanfälle haben Betroffene keine Kontrolle über ihre Nahrungsaufnahme. Sie essen nicht aus Hunger oder mit Genuss, sondern essen ziellos und beinahe mechanisch, bis sich ein unangenehmes Völlegefühl einstellt. Häufig ekeln Betroffene sich vor sich selbst, sind traurig oder empfinden Schuldgefühle. Anders als Bulimie-Betroffene beinhalten die Binge-Eating-Störung selten gewichtsreduzierende Maßnahmen wie Erbrechen, Hungerphasen oder Sport.
Risikofaktoren und Auslöser der Binge-Eating-Störung
Bestimmte Umstände können die Wahrscheinlichkeit einer Binge-Eating-Störung erhöhen. Dazu gehören unter anderem körperliche Einflüsse wie häufige Diäten oder bestehendes Übergewicht, familiäre Vorbilder, die ein ungesundes Essverhalten vorleben oder Persönlichkeitsmerkmale wie ein geringes Selbstwertgefühl und starke Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper.
Der Ausbruch einer Binge-Eating-Störung wird in der Regel durch spezifische Trigger herbeigeführt. Ständiger Stress, belastende Erlebnisse, emotionale Probleme oder zwischenmenschliche Konflikte können das Auftreten der Esssucht und Essanfälle begünstigen.
Binge-Eating und seine gesundheitlichen Folgen
Die Binge-Eating-Störung belastet die Psyche der Betroffenen stark. Betroffene leiden neben der Essstörung häufig unter Depressionen oder Angststörungen. Die psychischen Erkrankungen können sich gegenseitig beeinflussen und immer weiter verschlechtern. Auch das soziale Leben der Betroffenen leidet unter der Erkrankung. Viele Esssucht-Patientinnen und -Patienten halten ihre Essanfälle geheim, sie ziehen sich zurück und vernachlässigen ihre Hobbies und ihre sozialen Kontakte.
Neben den psychischen Beschwerden kann die Binge-Eating-Störung auch schwerwiegende physische Folgen haben. Die Esssucht führt häufig zu einer Gewichtszunahme, viele Betroffene leiden unter (starkem) Übergewicht. Durch das erhöhte Gewicht steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Gelenk- oder Rückenprobleme.
Wirksame Therapie trotz Angst vor Stigmatisierung
Viele Betroffene trauen sich nicht, professionelle Hilfe für ihre Binge-Eating-Störung zu suchen. Die Angst vor Stigmatisierung, insbesondere durch das hohe Übergewicht, wirkt isolierend. Dabei ist eine professionelle und vor allem frühe Behandlung essenziell für eine Heilung oder Linderung der Symptome. Fokus der Binge-Eating-Therapie ist es, Auslöser für die Essanfälle zu erkennen und gesündere Bewältigungsstrategien zu finden. Die Therapie unterstützt Betroffene zudem beim Aufbau eines gesunden Essverhaltens. Bei übergewichtigen Patientinnen und Patienten kann auch eine Gewichtsreduktion Teil der Behandlung sein. Je nach Schweregrad der Erkrankung kann die Behandlung ambulant, teil- oder vollstationär durchgeführt werden.
Mut und Hoffnung für die Zukunft
Trotz der Angst und der Scham – eine heile Zukunft ist greifbar. Der Weg zur vollständigen Genesung ist lang. Rückfälle, auch Jahre in der Zukunft, sind nie komplett ausgeschlossen. In der My Way® Klinik ist eine langfristige Nachsorge daher essenzieller Bestandteil unseres dreistufigen Therapiemodells.
Die Behandlung der Binge-Eating-Störung in unserer Klinik beginnt mit einer ausführlichen Diagnostik, auf derer Grundlage wir einen individuellen Therapieplan zusammenstellen. Im Zentrum der Therapie steht die Einzelpsychotherapie, in der wir den Umständen der Binge-Eating-Störung auf den Grund gehen. Sie wird von individuellen Modulen ergänzt, die auf die Situation der Patientin oder des Patienten abgestimmt sind. Das können zum Beispiel emotionale Regulation, Selbstakzeptanz oder Stresstoleranz sein. Die sorgfältige und langfristige Nachsorge soll den Therapieerfolg nachhaltig stärken. So wird möglichen Rückfällen schon früh vorgebeugt – für ein gesundes Verhältnis zu Essen und eine optimistische Sicht in die Zukunft.