Anpassungsstörung nach ICD-10 – die Reaktion auf belastende Lebensereignisse
Die Anpassungsstörung beschreibt eine psychische Reaktion auf ein belastendes Lebensereignis oder eine einschneidende Veränderung der persönlichen Lebenssituation. Dabei geht es nicht darum, ob ein Ereignis objektiv „schlimm genug“ ist. Entscheidend ist vielmehr, wie stark die individuelle emotionale Belastung ausfällt und ob die Reaktion die persönliche Bewältigung und den Alltag deutlich beeinträchtigt. Für die Diagnosestellung sind daher immer die individuellen Umstände relevant. Die Anpassungsstörung ist im ICD-10 als F43.2 eingeordnet.
Ursachen und Entstehung der Anpassungsstörung nach ICD-10
Eine Anpassungsstörung kann nach sehr unterschiedlichen belastenden Ereignissen entstehen. Dazu gehören nicht nur Krisen, sondern auch ganz normale Entwicklungsschritte und Veränderungen im Leben. Ein Trauerfall, eine Trennung oder Scheidung können ebenso Auslöser sein wie Emigration oder Flucht. Auch der Tod eines Haustiers kann eine starke emotionale Reaktion hervorrufen.
Darüber hinaus können Veränderungen, die grundsätzlich positiv oder zum normalen Lebensverlauf gehören, eine erhebliche Belastung darstellen. Dazu zählt beispielsweise der Schulbesuch, die Geburt eines Kindes und der Eintritt in die Elternschaft, ein beruflicher oder persönlicher Erfolg oder Misserfolg, aber auch das Erreichen eines wichtigen Ziels oder der Eintritt in den Ruhestand.
Die Anpassungsstörung zeigt ähnliche Symptome wie auch andere traumatische und belastungsabhängige Störungen. Dazu gehören unter anderem Niedergeschlagenheit, Ängste, innere Unruhe, Sorgen, Antriebsminderung, Schlafstörungen oder Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Welche Beschwerden auftreten und wie stark sie ausgeprägt sind, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch.
Warum „Anpassungsstörung“ nicht bedeutet, dass man sich besser anpassen muss
Die Diagnose „Anpassungsstörung (ICD-10)“ lässt schnell vermuten, dass die Probleme gelöst werden können, indem man sich besser anpasst, die Emotionen unterdrückt und versucht, dem gewohnten Alltag unverändert nachzugehen. Diese Reaktion ist nachvollziehbar. Schließlich vermittelt das Wort „Anpassung“ im alltäglichen Sprachgebrauch schnell den Eindruck, jemand sei unangepasst oder müsse sich stärker an gesellschaftliche Erwartungen halten.
Das ist mit der F43.2 g Diagnose jedoch nicht gemeint. Vielmehr beschreibt diese, dass es einer betroffenen Person innerhalb eines bestimmten Zeitraums nicht gelingt, eine veränderte Lebenssituation ausreichend zu bewältigen. Eine Trauerreaktion nach dem Tod eines Haustiers kann beispielsweise sehr individuell ausfallen, anhängig vom Alter des Tieres, der personellen Bindung und den gemeinsam erlebten Ereignissen. Während manche Personen nur wenige Tage trauern, bedeutet der Tod des Tiers für andere Personen einen großen Umbruch des bekannten Lebens und den Verlust eines engen Verbündeten. Während manche den Verlust des Arbeitsplatzeses oder der Selbstständigkeit bewältigen, empfinden andere das als tiefgehende Kränkung mit langfristig eingeschränktem Selbstwertgefühl. Egal, welches Ereignis zugrunde liegt: Wenn die emotionale Belastung außergewöhnlich stark wird und den Alltag nachhaltig beeinträchtigt, kann professionelle Unterstützung geboten sein.
Eine Anpassungsstörung (ICD-10) sagt also nicht aus, dass sich ein Mensch „mehr anpassen“ muss. Gemeint ist vielmehr, einen persönlichen Umgang mit der neuen Situation zu finden, sie zu bewältigen und mit den damit verbundenen Gefühlen leben zu können. Eine therapeutische Begleitung kann dabei helfen, akute psychische und körperliche Auswirkungen zu bewältigen und neue Perspektiven und Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Wenn die akute Belastungsstörung zur Anpassungsstörung wird – und wie man wieder zurück in den Alltag findet
Die Anpassungsstörung wird häufig zunächst als akute Belastungsstörung beziehungsweise Belastungsreaktion (F43.0 im ICD-10) diagnostiziert. Auch hier ist ein außergewöhnlich belastendes Ereignis der Auslöser für Ängste, depressive Verstimmungen oder Konzentrations- und Schlafprobleme. In vielen Fällen halten die Probleme einer akuten Belastungsstörung nur wenigen Tage an – sie können jedoch auch über einen längeren Zeitraum anhalten und den Alltag nachhaltig verändern. In diesem Fall wird häufig die F43.2 g Diagnose „Anpassungsstörung“ gestellt.
Egal, wie lange Sie bereits mit dem Nachbeben eines belastenden Ereignisses zu kämpfen haben – in der My Way® Klinik steht die individuelle Stabilisierung Ihres Alltags im Mittelpunkt. Ziel der Behandlung ist es, den emotionalen Druck zu lindern, das Selbstwertgefühl zu stärken und neue Motivation für den Alltag zu entwickeln. Je nach persönlicher Situation können dabei unter anderem Psychoedukation und kognitive Verhaltenstherapie zum Einsatz kommen wie zum Beispiel unsere störungsspezifischen Therapiemodule Selbstwert, Emotionales Training, Stresstoleranz und Selbstmanagement. So können Sie lernen, ihre Reaktionen besser zu verstehen, belastende Gedanken zu hinterfragen und schrittweise mehr Sicherheit im Umgang mit der veränderten Lebenssituation zu gewinnen.