von Melissa Celmeur
Selbstfürsorge und Achtsamkeit
Psychische Belastungen gehören zum Leben. Niemand ist davor gefeit. Arbeitsstress im Beruf, medialer Stress privat, Konflikte in der Familie oder einschneidende Lebensereignisse können dazu führen, dass die innere Balance verloren geht. Um darauf angemessen zu reagieren, oder um ihnen sogar zuvorzukommen, versuchen viele Menschen, Selbstfürsorge und Achtsamkeit in ihre tägliche Routine zu integrieren. Diese Strategie gilt als wichtiger Baustein für die psychische Gesundheit. Gleichzeitig entstehen rund um diese Themen viele Missverständnisse. Denn Selbstfürsorge und Achtsamkeit bedeuten weit mehr als gelegentliche Entspannung oder eine kurze Auszeit.
Richtig verstanden kann sowohl das eine, als auch das andere dabei helfen, die eigenen Bedürfnisse bewusster wahrzunehmen und besser mit Belastungen umzugehen. Sie ersetzen jedoch keine professionelle Behandlung, wenn eine psychische Erkrankung vorliegt, können aber die Genesung begünstigen.
Was bedeutet Selbstfürsorge eigentlich?
Selbstfürsorge beschreibt den bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit sich selbst. Dazu gehört es, die eigenen körperlichen und seelischen Bedürfnisse ernst zu nehmen und ihnen im Alltag ausreichend Raum zu geben. Das beginnt bei ausreichendem Schlaf und einer ausgewogenen Ernährung, umfasst aber ebenso den Umgang mit Stress, persönlichen Grenzen und den eigenen Gefühlen.
Viele Menschen stellen ihre eigenen Bedürfnisse über Jahre hinweg immer zurück. Sie funktionieren, kümmern sich um andere oder versuchen, allen Erwartungen gerecht zu werden. Auf Dauer kann diese Haltung zu Erschöpfung, Überforderung oder psychischen Beschwerden, wie einem Burnout beitragen.
Selbstfürsorge bedeutet aber keineswegs, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Vielmehr geht es darum, die eigenen Kräfte zu erhalten, um den Anforderungen des Lebens dauerhaft gewachsen zu sein. Ein passendes Bild für Selbstfürsorge ist die alte Seemannsregel, die lautet: „Eine Hand für mich und eine Hand für’s Schiff.“ Sie besagt, dass man sich auf Schiffen und Booten immer mit mindestens einer Hand festhalten sollte, um bei Seegang oder unerwarteten Bewegungen das Gleichgewicht nicht zu verlieren und über Bord zu gehen.
Achtsamkeit heißt, den Moment bewusst wahrzunehmen
Auch Achtsamkeit wird häufig missverstanden. Gemeint ist keine besondere Entspannungstechnik und auch kein Zustand dauerhafter Gelassenheit. Vielmehr beschreibt Achtsamkeit die Fähigkeit, den gegenwärtigen Moment bewusst wahrzunehmen, ohne ihn sofort zu bewerten oder verändern zu wollen.
Wer achtsam lebt, nimmt Gedanken, Gefühle und körperliche Reaktionen bewusster wahr. Dadurch entsteht oft ein kleiner Abstand zu automatischen und unwillkürlichen Reaktionen. Dieser Abstand kann dann helfen, belastende Situationen ruhiger und überlegter zu bewältigen.
Aus diesem Grund spielt Achtsamkeit heute auch in verschiedenen wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren eine wichtige Rolle. Sie wird unter anderem in der achtsamkeitsbasierten kognitiven Therapie (MBCT), der Dialektisch Behavioralen Therapie (DBT) und der Acceptance and Commitment Therapy (ACT) eingesetzt.
Warum Achtsamkeit und Selbstfürsorge zusammengehören
Achtsamkeit und Selbstfürsorge ergänzen einander auf natürliche Weise. Denn nur wer die eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrnimmt, kann angemessen darauf reagieren.
Viele Menschen bemerken erst zu spät, dass sie dauerhaft erschöpft sind oder sich ihre Stimmung zunehmend verschlechtert. Achtsamkeit kann helfen, solche Veränderungen früher zu erkennen. Selbstfürsorge setzt anschließend dort an, und es können bewusste Schritte unternommen werden, die das eigene Wohlbefinden stärken.
Dazu können ausreichend Erholung, Bewegung, soziale Kontakte oder auch das bewusste Setzen von Grenzen gehören. Welche Form der Selbstfürsorge sinnvoll ist, unterscheidet sich dabei von Mensch zu Mensch.
Professionelle Hilfe bleibt bei psychischen Erkrankungen unverzichtbar
So wertvoll Selbstfürsorge und Achtsamkeit auch sind, sie können eine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung nicht ersetzen. Bei Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen oder anderen psychischen Erkrankungen reichen sie allein in den wenigsten Fällen aus.
Sie können jedoch ein wichtiger Bestandteil einer professionellen Therapie sein. Viele Patienten lernen während der Behandlung, Warnsignale früher wahrzunehmen, besser mit belastenden Gedanken umzugehen und im Alltag hilfreiche Strategien anzuwenden. Dadurch lassen sich Therapieerfolge häufig langfristig stabilisieren.
Kleine Schritte können viel bewirken
Viele Menschen verbinden Selbstfürsorge mit großen Veränderungen. Tatsächlich beginnen nachhaltige Entwicklungen oft im Kleinen. Eine bewusste Pause, ein Spaziergang, ausreichend Schlaf oder ein offenes Gespräch können bereits wichtige erste Schritte sein.
Ebenso muss Achtsamkeit nicht kompliziert sein. Häufig genügt es schon, den eigenen Gedanken und Gefühlen für einige Minuten bewusst Aufmerksamkeit zu schenken, ohne sie sofort verändern zu wollen.
Selbstfürsorge und Achtsamkeit als Teil des Heilungswegs
Selbstfürsorge und Achtsamkeit sind keine kurzfristigen Trends, sondern wissenschaftlich anerkannte Konzepte, die in vielen modernen Therapiemodellen ihren festen Platz haben. Sie helfen dabei, die eigenen Bedürfnisse bewusster wahrzunehmen, mit Belastungen besser umzugehen und die psychische Gesundheit nachhaltig zu stärken.
In der My Way® Klinik versteht das therapeutische Team Achtsamkeit und Selbstfürsorge deshalb nicht als Ersatz für eine Behandlung, sondern als wertvolle Begleiter auf dem Weg zu mehr innerer Stabilität. Im Rahmen eines individuellen Therapiekonzepts unterstützen wir unsere Patientinnen und Patienten dabei, neue Perspektiven zu entwickeln und langfristig einen gesunden Umgang mit sich selbst zu finden.