von Melissa Celmeur
Sucht in der Familie: helfen ohne sich selbst zu verlieren
Wenn ein Mensch suchtkrank ist, verändert sich nicht nur sein Leben, sondern das Leben aller ihm nahestehenden Personen, wie Freunde und Familie. Eine Sucht kann in der Familie zur Belastung werden, die oft im Verborgenen ertragen wird. Angehörige versuchen zu helfen und zu „retten“ – und verlieren dabei nicht selten sich selbst aus den Augen.
Wie können Angehörige mit der schwierigen Situation umgehen, ohne dabei in eine Erschöpfung zu rutschen? Ja, Unterstützung zu leisten ist wichtig, aber die eigenen Grenzen zu wahren, darf dabei nicht vergessen werden.
Wenn die Sucht neues Mitglied in der Familie wird
Sucht ist in den seltensten Fällen eine Einzelerkrankung. Sie betrifft das gesamte Familiensystem. Gespräche drehen sich oft nur noch um ein Thema, Pläne werden verschoben, Vertrauen erschüttert, Ausfälle gedeckt. Viele Angehörige fühlen sich verantwortlich und übernehmen Aufgaben, die der suchtkranke Mensch nicht mehr bewältigen kann. Sie zahlen Rechnungen, entschuldigen Fehlzeiten. Sucht in der Familie bedeutet, die Fassade nach außen aufrecht zu halten.
Dieses Verhalten ist bei Suchtproblemen in der Familie oft zu beobachten, unabhängig davon, ob es um Alkohol, Medikamente oder Drogen geht. Die Mechanismen ähneln sich immer: Sorge, Kontrolle, Verleugnung. Beratungsstellen sprechen hier von einer „Co-Abhängigkeit“ indem sich die Helfer in einem eigenen System verstricken und (auch) den klaren Blick verlieren können.
Eine Gratwanderung zwischen Helfen und Schaden
Helfen zu wollen ist menschlich. Doch bei Suchtproblemen in der Familie gerät diese Hilfe schnell ins Ungleichgewicht. Angehörige übernehmen Verantwortung, die nicht ihre ist, versuchen Konsequenzen abzufangen und verharren in der Situation, in der Hoffnung, dass sie sich wieder ändert.
Das Problem ist, wer ständig deckt und rettet, nimmt dem anderen die Chance, selbst Verantwortung zu übernehmen. Dadurch wird die Sucht geschützt, nicht der Mensch dahinter. Diese Dynamik kann sich über Jahre hinziehen. Die eigene Gesundheit leidet, die Beziehung wird brüchig, Erschöpfung breitet sich aus. Viele Angehörige entwickeln selbst Burnout, Angststörungen, Depressionen oder körperliche Beschwerden, weil die Suchtprobleme in der Familie zur permanenten Belastung werden.
Selbstaufgabe ist keine Hilfe!
Der wichtigste Schritt für Angehörige ist es, die eigenen Grenzen zu erkennen und ernst zu nehmen. Das bedeutet nicht, den suchtkranken Menschen aufzugeben, sondern sich selbst nicht zu verlieren. Konkret kann das heißen, keine Entschuldigungen mehr zu übernehmen, keine wiederholt erfolglosen finanziellen Rettungsaktionen zu starten, sich nicht in Diskussionen verstricken zu lassen und sich auch die Zeit für sich selbst zu nehmen, um zu rational begründeten Entscheidungen zu gelangen.
Grenzen zu setzen, fühlt sich anfangs vielleicht hart an. Manche befürchten, als lieblos wahrgenommen zu werden. Doch wer sich selbst schützt, bleibt handlungsfähig und kann auf Dauer eine verlässlichere Stütze sein.
Angehörige neigen dazu, sich selbst als weniger wichtig einzustufen, doch diese Haltung führt in die Überforderung. Selbstfürsorge statt Selbstaufgabe bedeutet, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten, regelmäßige Auszeiten einzuplanen, soziale Kontakte zu pflegen, Hobbys nicht aufzugeben. Wer sich selbst stabil hält, kann besser unterstützen. Wer erschöpft ist und ausgebrannt ist, hat nichts mehr zu geben.
Suchtberatung und professionelle Hilfe annehmen
Wenn die Belastung zu groß wird, braucht es professionelle Unterstützung. Für den suchtkranken Menschen selbst ist eine Behandlung oft unumgänglich. Je nach Schwere der Suchtprobleme in der Familie kann eine ambulante oder stationäre Therapie sinnvoll sein.
Viele Angehörige wissen nicht, dass auch sie Anspruch auf Unterstützung haben. Eine Suchtberatung richtet sich nicht nur an suchtkranke Personen, sondern auch an Familienmitglieder, die mit der Situation überfordert sind.
In so einer Suchtberatung erhalten Angehörige Raum, ihre eigene Belastung zu benennen. Sie lernen, Verhaltensmuster zu durchschauen und neue Wege im Umgang mit der Sucht zu finden. Die Suchtberatung kann auch dabei helfen, den erkrankten Menschen zu motivieren, selbst Hilfe anzunehmen.
In der My Way® Klinik bieten wir eine individuelle Behandlung bei sekundären Abhängigkeiten. Unser Ansatz nach dem bewährten Therapiemodell richtet sich nach den persönlichen Bedürfnissen der Betroffenen. Dabei berücksichtigen wir auch die Situation der Angehörigen und bieten Raum für Familiengespräche. Kranke, ausgebrannte Angehörige können in der Paar-Therapie mitbehandelt werden.
Veränderung braucht Zeit – und manchmal Distanz
Veränderung bei Sucht braucht Zeit – in der Familie und bei dem Erkrankten selbst. Rückfälle gehören häufig zum Prozess. Wichtig ist, dass der suchtkranke Mensch lernt, Verantwortung zu übernehmen und Angehörige lernen, dass sie nicht für den Erfolg oder Misserfolg verantwortlich sind.
Manchmal kommt der Punkt, an dem Distanz die einzige Option ist. Wenn die Sucht in der Familie so belastend wird, dass die eigene Gesundheit gefährdet ist, kann kontrolliertes Loslassen die richtige Entscheidung sein. Das bedeutet nicht zwangsläufig einen Kontaktabbruch, sondern emotionale Grenzen zu ziehen.
Es gibt keine Garantie, dass sich die Situation bessert. Aber es gibt Möglichkeiten, mit ihr anders umzugehen. Angehörige, die mit den Suchtproblemen in ihrer Familie leben müssen, können lernen, sich zu schützen, ohne hart zu werden. Sie können unterstützen, ohne sich aufzugeben. Die Sucht wird bleiben, solange der betroffene Mensch nicht bereit ist, sie anzugehen. Aber die Art, wie Angehörige damit umgehen, können sie verändern.