von Melissa Celmeur
Sucht als Symptom: Wenn mentale Erkrankungen in die Alkoholabhängigkeit führen
Alkoholabhängigkeit fängt meist klein an: abends ein Glas Wein, in geselliger Runde ein paar Bier und nach dem Essen einen Absacker – was scheinbar harmlos beginnt, kann sich schnell verselbstständigen. Denn immer mehr Menschen greifen zu Alkohol oder härteren Drogen, um zu entspannen, einschlafen zu können oder ihr Gedankenkarussell zu stoppen. „Der Konsum hilft unbewusst oftmals dabei, psychische Probleme zu verdrängen. Statt professionelle Hilfe zu suchen, greifen Betroffene zu Rauschmitteln, um ihre Beschwerden zu lindern. Diese Art der Selbstmedikation kann jedoch schnell in eine Sucht, nämlich eine Alkohol- und Drogenabhängigkeit führen und das Problem verschlimmern“, warnt Klaus-Dirk Kampz, Geschäftsführer der My Way Psychiatrische Klinik in Eckenhagen.
Alkohol- und Drogenabhängigkeit: Es kann jeden treffen
Psychische Erkrankungen und die Selbstmedikation mit Rauschmitteln ziehen sich durch alle Gesellschaftsschichten. „Das betrifft sowohl Führungskräfte, die kurz vorm Burnout stehen und sich mit leistungsfördernden Mitteln hochputschen wollen, als auch den verwitweten Rentner, der seine Trauer und Depressionen mit Alkohol betäubt. Oder die alleinerziehende Mutter, die nach einem anstrengenden Tag nicht anders zur Ruhe kommt“, zählt Klaus-Dirk Kampz auf. Nicht alle Betroffenen sind sich bewusst, dass sie an einer mentalen Erkrankung leiden, da die Symptome schleichend auftreten und schwer zuzuordnen sind. Es entsteht unbewusst eine Alkoholabhängigkeit als Therapie gegen diesen Zustand. „Bei Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafproblemen oder Reizbarkeit denken viele Menschen nicht direkt an psychische Krankheiten. Auch dass sie zur Entspannung vermehrt auf Alkohol zurückgreifen, fällt den meisten nicht als problematisch auf“, weiß Klaus-Dirk Kampz.
Selbstmedikation: Alkoholabhängigkeit als Therapie
Die Gründe, warum sich Betroffene keine professionelle Hilfe suchen und stattdessen zu Alkohol und anderen Drogen greifen, gehen allerdings noch weiter. Einige Menschen schämen sich, Hilfe einzufordern. Anderen geht es so schlecht, dass sie es schlichtweg nicht alleine schaffen. Selbstmedikation stellt hingegen eine vermeintlich einfache Lösung dar. „Alkohol und Drogen verschaffen kurzfristig Linderung, indem sie zum Beispiel Ängste dämpfen oder Schlaf fördern. Doch diese Art der Selbstmedikation ist gefährlich, denn langfristig führt sie zu einer Verschlechterung des psychischen und physischen Gesundheitszustands. Die Suchtgefahr sollte außerdem nicht unterschätzt werden. Betroffene gleiten schnell in eine Drogenabhängigkeit und benötigen immer höhere Dosen, um die gleiche Wirkung zu erzielen“, erklärt Klaus-Dirk Kampz. Außerdem werden die eigentlichen Ursachen der mentalen Erkrankung nicht behandelt, sondern lediglich verdrängt. Dies verhindert jedoch eine nachhaltige Verbesserung der Situation und führt stattdessen oft zu einer Verschärfung der Symptome der eigentlichen Haupterkrankung.
Im Teufelskreis der Sucht
Einmal in die Sekundärerkrankung Sucht abgerutscht, finden sich viele Betroffene in einem Teufelskreis wieder. Die Abhängigkeit verstärkt die mentalen Probleme, was den Wunsch nach Drogen und Alkohol erhöht. Es entsteht eine Spirale, aus der alleine auszubrechen schwer ist. „Der erste und wichtigste Schritt ist das Erkennen des Problems. Erst dann sind Betroffene in der Regel bereit, sich professionelle Hilfe zu suchen. Ein Entzug, also eine Therapie bei Drogenabhängigkeit, alleine reicht in diesen Fällen allerdings nicht aus, da es sich um eine sogenannte sekundäre Abhängigkeit handelt. Psychotherapeuten müssen ebenfalls die der Sucht zugrunde liegende mentale Erkrankung diagnostizieren und behandeln. Ansonsten besteht eine hohe Gefahr von Rückfällen“, erklärt Klaus-Dirk Kampz. Anschließend kann auch der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen wie den Anonymen Alkoholikern hilfreich sein, um bei einer Alkoholabhängigkeit die Therapie zu unterstützen.