von Melissa Celmeur
Quartalstrinker: Alkohol-Sucht in Schüben
Wer nicht täglich trinkt, beweist damit, dass er kein Alkoholproblem hat – so lautet ein weit verbreiteter Irrglaube. Die episodisch exzessiv Trinkenden, sogenannte Quartalstrinker, widerlegen ihn jedoch auf eindrückliche Weise. Zwischen ihren Trinkphasen können Wochen oder Monate liegen, in denen sie absolut abstinent leben. Doch wenn die nächste Episode beginnt, kippt die Kontrolle vollständig.
Was passiert bei Quartalstrinkern?
Das Muster ist ebenso prägnant wie offensichtlich: Eine Person lebt über einen längeren Zeitraum durchaus problemlos ohne Alkohol. Dann setzt eine Trinkphase ein, die wenige Tage bis mehrere Wochen dauern kann. Der Konsum ist in dieser Zeit exzessiv und kaum steuerbar. Betroffene trinken bis zur körperlichen Erschöpfung, vernachlässigen Essen, Schlaf und soziale Verpflichtungen. Am Ende der Episode hören sie wieder auf, meist abrupt.
Diese Phasen wiederholen sich, was natürlich nicht unbedingt vierteljahresweise geschehen muss. Der Begriff des Quartalstrinkers bezeichnet lediglich das episodische Muster, nicht einen festen Rhythmus.
Wie heißt das Quartalstrinken in der Fachsprache?
Im deutschsprachigen Raum ist die Alkoholiker-Typologie nach Elvin M. Jellinek nach wie vor geläufig. Jellinek unterschied fünf Alkoholiker-Typen:
- Typ A – Alpha-Trinker
Trinkt zur Stressbewältigung oder zur Linderung psychischer Probleme. Eine körperliche Abhängigkeit besteht meist noch nicht. - Typ B – Beta-Trinker
Trinkt regelmäßig und oft zu viel, entwickelt dadurch körperliche Folgeschäden, ist aber nicht zwangsläufig abhängig. - Typ C – Gamma-Trinker
Verliert die Kontrolle über die Trinkmenge. Typisch sind starkes Verlangen nach Alkohol und eine ausgeprägte psychische sowie körperliche Abhängigkeit. - Typ D – Delta-Trinker
Trinkt nahezu ständig, um Entzugserscheinungen zu vermeiden. Die Trinkmenge bleibt oft ähnlich, auf Alkohol kann jedoch nicht verzichtet werden. - Typ E – Epsilon-Trinker
Trinkt über längere Zeit gar nicht oder wenig, verfällt dann aber in oft Trinkexzesse.
Der Quartalstrinker entspricht dabei dem Epsilon-Typ: lange alkoholfreie Phasen, unterbrochen von exzessiven Trinkepisoden. Heute gilt die Jellinek-Klassifikation der Alkoholiker-Typen als vereinfachendes Modell. Viele Betroffene lassen sich einfach nicht scharf abgegrenzt einem einzigen Typ zuordnen, sondern zeigen Merkmale aus mehreren Kategorien gleichzeitig. Als Orientierungsrahmen bleiben die Alkoholiker-Typen vom Alpha- bis zum Epsilon-Alkoholiker dennoch nützlich.
Entscheidend für die Diagnose ist unabhängig vom Modell nicht die Trinkhäufigkeit, sondern ob Kontrollverlust, Craving und negative Folgen auftreten – und das ist bei Quartalstrinkern in der aktiven Phase typischerweise der Fall.
Wie entsteht dieses Muster des Epsilon-Alkoholikers?
Die Ursachen sind vielschichtig. Viele Betroffene berichten, dass Trinkphasen durch akkumulierten Stress, Trauma-Trigger, emotionale Krisen oder innere Anspannung ausgelöst werden. Der Alkohol dient der Regulierung eines Zustands, den die Person anders nicht bewältigen kann. Neurobiologisch spielen Veränderungen im Belohnungssystem eine Rolle. Das Gehirn entwickelt eine erhöhte Sensitivität gegenüber Auslösereizen, auch nach langen Abstinenzphasen. Hinzu kommen oft komorbide Störungen wie Depressionen, Angsterkrankungen, Traumafolgen oder ADHS, die das episodische Muster begünstigen oder aufrechterhalten.
Die Tücke der Abstinenzphasen
In den Abstinenzphasen liegt die besondere Gefahr dieses Störungsbildes. Sie erzeugen eine trügerische Sicherheit. Betroffene – und im Übrigen auch ihr Umfeld – interpretieren die trockenen Zeiträume als Beweis dafür, dass keine echte Abhängigkeit vorliegt. „Ich kann ja auch wieder aufhören" ist ein häufiger, selbstberuhigender Satz, der professionelle Hilfe lange verhindert.
Ist beim Epsilon-Alkoholiker eine Behandlung möglich?
Ja – und je früher diese einsetzt, desto besser. Die episodische Struktur erfordert eine angepasste Herangehensweise. Bewährt haben sich qualifizierter Entzug in einer spezialisierten Klinik, medikamentöse Unterstützung sowie psychotherapeutische Arbeit, die auch auf die zugrundeliegenden Auslöser und psychische Begleiterkrankungen zielt. Rückfallpräventionsprogramme helfen, Frühwarnsignale einer beginnenden Episode zu erkennen und Gegenstrategien zu verankern. Entscheidend ist, das Krankheitsbild als ein solches anzuerkennen, und nicht als Willensschwäche oder mangelnde Disziplin abzustempeln.
My Way® Privatklinik: Individuell behandeln, was individuell verläuft
Schablonenlösungen sind für episodische Suchtverläufe ungeeignet. In der My Way® Privatklinik wird für egal welchen Epsilon-Alkoholiker die Behandlung auf seine persönliche Situation abgestimmt, speziell der besonderen Dynamik des Quartalstrinkers. Das Team aus Psychiatern, Suchtmedizinern und Psychotherapeuten begleitet Betroffene vom qualifizierten Entzug bis zur langfristigen Stabilisierung in einem geschützten, diskreten Rahmen.