von Melissa Celmeur

Co-Abhängigkeit: Gift für jede Beziehung

Ein Paar geht Hand in Hand am Strand auf einen Sonnenuntergang zu. Im Vordergrund wird ein Weinglas schwungvoll eingeschenkt und umrahmt die vertraute Szene.

Co-Abhängigkeit ist ein Begriff, der oft im Zusammenhang mit Suchtverhalten auftaucht, doch ihre wirkliche Tragweite wird häufig unterschätzt. Besonders in Paarbeziehungen kann sich Co-Abhängigkeit tiefgreifend als Beziehungsstörung etablieren und das Leben beider Partner belasten. In diesem Beitrag beleuchten wir, wie aus der wohlmeinenden Hilfe eine schädliche Co-Abhängigkeit in einer Beziehung entstehen kann, wie sie sich zeigt und welche Wege es gibt, diesem schmerzhaften Muster zu entkommen.

Was ist Co-Abhängigkeit überhaupt?

Co-Abhängigkeit beschreibt eine ungesunde Beziehungsdynamik, bei der eine Person sich übermäßig auf das Wohlergehen, die Kontrolle oder Rettung einer anderen Person fokussiert – meist auf jemanden mit einem Suchtproblem. Das eigene Selbstwertgefühl hängt davon ab, gebraucht zu werden. Dabei rückt aber gleichzeitig das eigene emotionale Gleichgewicht in den Hintergrund.

Vor allem Co-Abhängigkeit in einer Beziehung kann zur stillen, aber dauerhaften Belastung werden: Betroffene übernehmen Verantwortung für das Verhalten des suchtkranken Partners, rechtfertigen, decken oder entschuldigen destruktive Verhaltensweisen und verlieren sich selbst dabei zunehmend. Sie vernachlässigen die Eigenvorsorge, schwächen sich im Verlauf selbst und laufen Gefahr, durch die emotionale Überlastung selbst zu erkranken, zum Beispiel an einer Belastungsstörung oder depressiven Episode.

Wie entsteht Co-Abhängigkeit in einer Beziehung?

Häufig stellt Co-Abhängigkeit für die Beziehung einen schleichenden Prozess dar. Ein Partner konsumiert Alkohol, Medikamente oder andere Substanzen, während der andere beginnt, zu kompensieren: Er übernimmt mehr Aufgaben, schützt vor Konsequenzen, stellt eigene Bedürfnisse zurück. Was zunächst als Fürsorge beginnt, entwickelt sich allmählich als Co-Abhängigkeit zur Beziehungsstörung, die beide Partner in einer ungesunden Dynamik gefangen hält.

Co-Abhängigkeit entsteht zum einen durch natürliches soziales Verhalten, mit der natürlichen Hilfsbereitschaft insbesondere an einem Partner oder Familienangehörigen. Zum anderen können auch eigene Kindheitserlebnisse die Co-Abhängigkeit begünstigen. Menschen, die früh Verantwortung übernehmen mussten, zum Beispiel wenn sie in instabilen oder emotional vernachlässigenden Familienstrukturen aufgewachsen sind, entwickeln häufig ein übermäßiges Verantwortungsgefühl für andere, was einen Nährboden für Co-Abhängigkeit in späteren Beziehungen sein kann.

Co-Abhängigkeit oder Co-Narzissmus?

Ein verwandter Begriff, der zunehmend in den Fokus rückt, ist der Co-Narzissmus. Dabei handelt es sich um eine spezielle Ausprägung der Co-Abhängigkeit in Beziehungen, bei der sich Betroffene dauerhaft an narzisstische Persönlichkeiten binden – in der Hoffnung, Anerkennung und Liebe zu erhalten. Auch hier ist die Beziehung stark von Ungleichgewicht, Kontrolle und Abhängigkeit geprägt.

Im Unterschied zur klassischen Co-Abhängigkeit in der Beziehung ist beim Co-Narzissmus oft keine stoffliche Sucht im Spiel, sondern ein emotionales Machtgefälle. Doch die Mechanismen ähneln sich. Auch hier leidet das Selbstwertgefühl und das eigene Leben wird zunehmend fremdbestimmt.

Warnzeichen: Wie erkennt man Co-Abhängigkeit und Co-Narzissmus?

Co-Abhängigkeit zeigt sich in vielen kleinen Details, die im Alltag leicht übersehen werden können. Wer sich selbst in diesen Punkten wiedererkennt, sollte aufmerksam werden:

  • Ständiges Kümmern um den Partner auf Kosten der eigenen Bedürfnisse
  • Schuldgefühle, wenn man Grenzen setzt
  • Angst vor Konflikten oder dem Verlassenwerden
  • Verharmlosung oder Rechtfertigung von problematischem Verhalten
  • Gefühl, ohne den anderen emotional oder existenziell „nicht leben zu können“

Diese Muster können zu chronischer Erschöpfung führen und die typische Beziehungsstörung im Rahmen einer Co-Abhängigkeit verstärken. Die mentale Gesundheit der Co-Abhängigen ist gefährdet. Letztlich kann die Co-Abhängigkeit die Inanspruchnahme professioneller und wirksamer Hilfe des Abhängigen hinauszögern.

Wege aus der Co-Abhängigkeit

Sich aus einer Co-Abhängigkeit in einer Beziehung zu lösen, ist kein einfacher, aber ein befreiender Schritt. Professionelle Hilfe, etwa in Form von Therapie, Coaching oder Selbsthilfegruppen, kann oft sehr hilfreich sein. In unserer My Way® Klinik machen wir individuelle Angebote für Betroffene von Co-Abhängigkeit und Suchtstrukturen. Wir helfen Ihnen, wieder auf sich selbst zu hören, Grenzen zu erkennen und sich aus der Beziehungsdynamik zu lösen, die bei Co-Abhängigkeit zur Beziehungsstörung geworden ist. Wenn in der My Way® Klinik Suchtkranke behandelt werden, können die betroffenen Co-Abhängigen einbezogen werden. Die Einbeziehung erfolgt durch die gemeinsamen Gespräche des Bezugstherapeuten mit Abhängigen und Co-Abhängigen. Wenn Co-Abhängige bereits selbst behandlungsbedürftig geworden sind, hat jeder für sich einen Therapeuten und zusätzlich einen gemeinsamen Coach. Aber es können auch Co-Abhängige allein behandelt werden mit der Einzeltherapie und gezielten störungsspezifischen Therapiemodule: unter anderem Emotionale Regulation, Achtsamkeit, Selbstmanagement, Selbstwert, Elementen der Schematherapie, Wertesystem und Entspannung.

Co-Abhängigkeit erkennen – und handeln

Co-Abhängigkeit ist keine Schwäche, sondern ein oft über Jahre oder Jahrzehnte hinweg erlerntes Verhalten. Doch sie ist veränderbar. Wer die Muster erkennt und Hilfe sucht, kann sich aus der Spirale lösen. Co-Abhängigkeit in einer Beziehung muss kein Dauerzustand sein – und auch Co-Narzissmus lässt sich therapeutisch aufarbeiten.

Wenn Sie sich angesprochen fühlen, sich in einer von Co-Abhängigkeit geprägten Beziehung befinden, oder das Gefühl haben, kurz davor zu sein, kontaktieren Sie uns und lassen Sie sich kompetent und diskret beraten.