von Melissa Celmeur

Abhängigkeitsverlagerung nach dem Entzug vermeiden

Mehrfachbelichtetes Bild mit laufendem Mann, trinkender Person mit Zigarette im Whiskyglas und Pokerchips als Symbol für Suchtverlagerung und Abhängigkeit

Der Wechsel von einer Abhängigkeit auf eine andere, nachdem ein Entzug, beziehungsweise eine Entwöhnung erfolgreich durchgeführt wurde, wird als Abhängigkeitsverlagerung bezeichnet. Betroffene hören zwar mit dem Konsum des ursprünglichen Suchtmittels auf, entwickeln aber im Anschluss eine neue problematische Abhängigkeit von einer anderen Substanz oder einem Verhalten. Diese Form der Suchtverlagerung kann zunächst subtil beginnen und dennoch langfristig genauso belastend sein wie die ursprüngliche Sucht. Besonders gefährdet sind Betroffene mit psychiatrischen Haupterkrankungen, in Folge dessen das Suchtmittel als eine Art Selbstmedikation konsumiert wurde und bei denen sich die Sucht als Sekundärerkrankung verselbständigt hat.

Wie entsteht Abhängigkeitsverlagerung nach einem Entzug?

Der Entzug ist ein großer, aber nur ein erster Schritt, um körperliche und psychische Abhängigkeit zu durchbrechen. Doch der reine Verzicht allein reicht nicht aus, um die Ursachen der suchtbedingten Verhaltensmuster zu verändern. Die neurobiologischen und psychologischen Veränderungen im Belohnungssystem des Gehirns sind tiefgreifend und bleiben auch nach Abschluss des Entzugs bestehen. Dieses sogenannte Suchtgedächtnis sorgt dafür, dass Belohnungserwartungen und Suchtdruck weiterhin stark ausgeprägt sind und in Stress- oder Belastungssituationen aktiv werden können. Als Belastungssituationen gelten auch andere psychiatrische Erkrankungen, die bislang durch den Suchtmittelkonsum verdeckt und erst nach Entzug deutlicher hervortreten.

Menschen, die sich rein auf ihren Entzug konzentrieren, ohne im Anschluss ein tragfähiges, multikulturelles Bewältigungssystem aufzubauen, laufen Gefahr, diese inneren Spannungszustände rasch durch eine neue Abhängigkeit zu kompensieren. Klassische Beispiele hierfür sind der Wechsel von Alkohol zu Medikamenten, von Alkohol zu Nikotin, von Drogen zu Hilfsdrogen und von Drogen zu exzessivem Sport, zwanghaftem Arbeiten oder pathologischem  Glücksspiel.

Frühe Anzeichen für Suchtverlagerung erkennen

Ein erster Hinweis auf eine drohende Abhängigkeitsverlagerung sind Verhaltensänderungen, bei denen scheinbar harmlose Aktivitäten einen zunehmend engen Stellenwert einnehmen. Wenn ein ehemals kontrollierter Umgang mit einem Verhalten sich in zwanghafte Muster verwandelt und Betroffene den neuen Fokus nutzen, um unangenehme Gefühle zu betäuben, kann dies auf eine Suchtverlagerung hindeuten. Auch ein wiederkehrender Suchtdruck im Alltag, der sich nun gegen neue Auslöser richtet, sollte aufmerksam beobachtet werden.

Ein weiterer Alarmindikator ist, wenn der neue Fokus dazu führt, dass soziale Kontakte vernachlässigt werden oder belastende Gefühle wie Angst, Unruhe oder Burnout wieder zunehmen, sobald das Verhalten eingeschränkt wird. Solche Muster ähneln denen während der ursprünglichen Abhängigkeit.

Strategien zur Vermeidung von Ersatz-Abhängigkeiten

Ein zentraler Schutz gegen Abhängigkeitsverlagerung besteht darin, die Entwöhnung konsequent fortzuführen und sie nicht als isolierten Prozess zu betrachten, sondern als Beginn einer umfassenden Verhaltensänderung. Neben der zielführenden, idealerweise integrierten Behandlung anderer psychiatrischer Erkrankungen, gehören dazu mehrere Bausteine, wie zum Beispiel die fortlaufende, engmaschige therapeutische Begleitung.

Während der Entwöhnung erlernen die Betroffenen Strategien zur Bewältigung von Stress, und dem Umgang mit Emotionen. Diese Fähigkeiten helfen, Suchtdruck nachhaltig zu kontrollieren, ohne auf Ersatzabhängigkeiten auszuweichen. Therapien wie kognitive Verhaltenstherapie vermitteln Techniken, um Auslöser frühzeitig zu erkennen und adaptive Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Ein strukturierter Tagesablauf mit gesundheitsförderlichen Gewohnheiten wirkt stabilisierend. Regelmäßige Bewegung, achtsamkeitsbasierte Übungen und soziale Aktivitäten können die Neurobiologie des Belohnungssystems positiv beeinflussen.

Nach dem Entzug ist der Aufbau eines sozialen Unterstützungsnetzwerks hilfreich. Selbsthilfegruppen, therapeutische Nachsorge und unterstützende Peer-Gruppen geben den Betroffenen einen Raum, in dem sie ihre Erfahrungen reflektieren und miteinander Bewältigungsstrategien entwickeln. Ein Umfeld, das Verständnis und konstruktive Rückmeldung bietet, trägt dazu bei, dass Suchtdruck nicht durch Ersatzverhalten verdeckt wird.

Den Suchtdruck verstehen und aktiv gegensteuern

Im Verlauf einer Sucht entsteht meist ein intensiver Suchtdruck, der sowohl körperlich, als auch psychisch spürbar ist. Dieser Druck kann sich nach einem Entzug wieder zeigen, wenn Belastungen oder emotionale Spannungen auftreten. Der Umgang mit Suchtdruck ist daher so etwas wie die Basis für nachhaltige Abstinenz. Betroffene lernen, die Mechanismen hinter dem Verlangen zu erkennen, zu benennen und durch alternative Denk- und Handlungsweisen zu regulieren. Achtsamkeits- und Entspannungstechniken können dabei unterstützen, innere Impulse bewusst wahrzunehmen, ohne darauf zu reagieren.

Eine Abhängigkeitsverlagerung ist kein Zeichen von Schwäche oder fehlender Disziplin, sondern ein nicht seltenes Phänomen auf dem Weg aus einer Sucht. Nach einem Entzug braucht es jedenfalls kontinuierliche Nachsorge, therapeutische Begleitung und die Pflege positiver Bewältigungsstrategien, um Ersatz-Abhängigkeiten vorzubeugen und echten, selbstbestimmten Umgang mit Belastungen zu erlernen. Indem Betroffene lernen, Suchtdruck zu erkennen und zu steuern, kann das Risiko neuer Abhängigkeiten vermindert werden. Die Grundlagen für eine erfolgreiche Suchbehandlung werden in einer integrierten Komplexbehandlung gelegt, indem schon im Entzug die Betroffenen ganzheitlich behandelt werden.

Unterstützung finden in der My Way® Privatklinik

Die My Way® Privatklinik begleitet Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen individuell, diskret und ganzheitlich. Ziel ist es sowohl, den Entzug sicher zu gestalten, zugrunde liegende psychische Probleme zu bearbeiten beziehungsweise zu behandeln und die tieferliegenden Ursachen der Sucht zu verstehen. Als auch Rückfällen sowie Abhängigkeitsverlagerung nachhaltig vorzubeugen. In einem geschützten Rahmen werden persönliche Auslöser, emotionale Belastungen und bewährte Strategien zur Stabilisierung im Alltag erarbeitet. Wenn Sie sich oder einen nahestehenden Menschen in diesen Beschreibungen wiedererkennen, nehmen Sie Kontakt zur My Way® Privatklinik auf. Empfohlen wird die tägliche Einzeltherapie und störungsspezifische Therapiemodule wie Achtsamkeit, Emotionales Training, Selbstmanagement, Selbstwert-Selbstakzeptanz, Schematraining, Wertesystem, Zwischenmenschliches und die Suchtgruppe. Ein erstes unverbindliches Gespräch kann der entscheidende Schritt sein, um neue Perspektiven zu entwickeln und dauerhaft suchtfreier zu leben.