von Melissa Celmeur
Diet Culture und toxische Wellness-Trends
Die moderne Wellness-Landschaft verspricht Gesundheit, Schönheit und das perfekte Leben – doch dahinter verbirgt sich manchmal eine toxische Diätkultur, neudeutsch „Diet Culture“, die oft mehr schadet als heilt. Psychiatrische Fachkliniken erleben täglich, wie scheinbar harmlose Wellness-Trends zu ernsten psychischen Problemen führen können. Besonders problematisch ist die Tatsache, dass sich Diet Culture heute geschickt als Gesundheitsbewusstsein tarnt und dadurch schwer erkennbar ist.
Ein Wolf im Schafspelz: der Skinny Tok-Trend
Diet Culture fördert Trends, die zu Stress, Schuldgefühlen, geringem Selbstwertgefühl und Essstörungen führen können, warnen Experten. Was einst offensichtlich als mehr oder weniger strenge Diät zu erkennen war, hat sich heute in ein komplexes System aus Wellness-Versprechen verwandelt. Der gefährliche Skinny Tok-Trend auf TikTok zeigt exemplarisch, wie sich diese Mechanismen in der digitalen Welt manifestieren. Unter dem Hashtag #skinnytok „feiern“ junge Mädchen einen gefährlichen Schlankheitswahn, verpackt als „skinny girl mindset".
Das Bedenkliche an der modernen Diet Culture liegt in ihrer Subtilität. Während frühere Diät-Trends offen mit Gewichtsverlust warben, verstecken sich heutige Botschaften oft hinter Begriffen wie „Clean Eating", „Detox" oder „optimaler Lifestyle". Diese scheinbar harmlosen, mit positiven Begriffen besetzten Konzepte können jedoch zu streng geregelten Essmustern führen, die den Grundstein für eine spätere Essstörung legen.
Der Skinny Tok-Trend und die Algorithmus-Falle
Der Skinny Tok-Trend veranschaulicht besonders dramatisch, wie Social Media die Diet Culture verstärken kann. Wer sich etwa ein aktuelles Video zu „Skinny Tok" ansieht, es liked oder kommentiert, bekommt zunehmend mehr Inhalte dieser Art angezeigt. Diese Algorithmus-gesteuerte Verstärkung schafft digitale „Echo-Kammern", das heißt, man gerät in eine sogenannte „Bubble“, die problematisches Essverhalten normalisieren und romantisieren.
Besonders besorgniserregend ist, dass der Skinny Tok-Trend hauptsächlich junge Menschen erreicht, deren Körperbild und Selbstwertgefühl sich noch in der Entwicklung befinden. Entsprechende Videos auf TikTok können das Risiko für Essstörungen erhöhen, bestätigen Fachleute.
Die Gefahr des Skinny Tok-Trends liegt sowohl in den expliziten Inhalten, als auch in der unterschwelligen Botschaft, dass Dünnheit und Disziplin moralische Überlegenheit und Erfolg bedeuten. Diese Verknüpfung macht es für Betroffene besonders schwer, problematisches Verhalten zu erkennen und professionelle Hilfe zu suchen.
Biohacking: Optimierung als neue Obsession
Parallel zum Skinny Tok-Trend hat sich in den letzten Jahren das Biohacking als weiterer fragwürdiger Wellness-Trend etabliert. Biohacking ist die Maximierung menschlicher Leistung durch das Hacken unserer Biologie. Was zunächst wissenschaftlich und legitim klingt, kann schnell in zwanghafte Selbstoptimierung umschlagen.
Biohacking verspricht durch gezielte Interventionen – beispielsweise Diäten, Nahrungsergänzungsmittel oder technische Gadgets – die perfekte Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Biohacking umfasst eine Reihe von Praktiken, von einfachen Änderungen des Lebensstils und der Ernährung bis hin zu fortschrittlichen technologischen Eingriffen, die alle dasselbe Ziel verfolgen, nämlich die Feinabstimmung unserer biologischen Prozesse für ein verbessertes Wohlbefinden.
Das Problem beim Biohacking liegt in der Illusion der Kontrolle, die es vermittelt. Menschen mit einer Veranlagung für Essstörungen finden im Biohacking oft eine Rechtfertigung für restriktives Essverhalten. Wenn extreme Ernährungsformen als „Biohacks" bezeichnet werden, wirken sie plötzlich nicht mehr wie ein gefährlicher Diätzwang, sondern wie wissenschaftlich fundierte Gesundheitsmaßnahmen.
Der Weg von Wellness-Trends zur Essstörung
Essstörungen sind lebensbedrohliche Erkrankungen. Der Übergang von harmlosen Wellness-Praktiken zu einer Essstörung verläuft oft schleichend und wird sowohl von Betroffenen als auch vom sozialen Umfeld lange nicht erkannt.
Typische Warnsignale sind die zunehmende Rigidität bei Ernährungsregeln, soziale Isolation aufgrund von Essbeschränkungen, obsessive Gedanken über Nahrungsmittel und Körpergewicht sowie die Verwendung von Wellness-Terminologie zur Rechtfertigung extremen Verhaltens. Wenn „gesunde Ernährung" zum alles bestimmenden Lebensinhalt wird, andere Bereiche vernachlässigt werden und es zu Mangelerscheinungen kommt, ist meist professionelle Hilfe erforderlich.
Die Herausforderung bei Essstörungen im Kontext von Wellness-Trends liegt in der gesellschaftlichen Akzeptanz und sogar Bewunderung für „diszipliniertes" Verhalten, was die Krankheitseinsicht erschwert und den Behandlungsbeginn verzögert.
Erkennen und Handeln: Auswege aus toxischen Trends
Die Auseinandersetzung mit Diet Culture, dem Skinny Tok-Trend und problematischem Biohacking erfordert zunächst die Entwicklung von Medienkompetenz und kritischem Bewusstsein. Wichtige Fragen sind: Wer profitiert von diesem Trend? Welche Botschaften werden vermittelt? Wird Gesundheit wirklich ganzheitlich betrachtet oder steht nur das Äußere im Fokus?
Echte Gesundheit und Wohlbefinden entstehen nicht durch extreme Maßnahmen oder die Befolgung starrer Regeln, sondern durch ein ausgewogenes Verhältnis zu Körper, Geist und sozialen Beziehungen. Professionelle Hilfe mit gezielten Therapien sollte gesucht werden, wenn Wellness-Praktiken zu Stress, sozialer Isolation oder zwanghaften Gedanken führen.
Gesunde Grenzen in einer toxischen Wellness-Welt
Die moderne Wellness-Landschaft mit ihrer verschleierten Diet Culture, gefährlichen Trends wie Skinny Tok und kompromisslose Biohacking-Praktiken kann eine ernste Bedrohung für die psychische Gesundheit darstellen. Besonders vulnerable Gruppen laufen Gefahr, in den Kreislauf aus Optimierung, Kontrolle und letztendlich Krankheit zu geraten. Wenn Sie bei sich Anzeichen einer problematischen Beziehung zu Essen, Körperbild oder Wellness-Praktiken bemerken, zögern Sie nicht, dies selbstkritisch zu hinterfragen oder Ihren Hausarzt aufzusuchen. Eine frühzeitige Intervention kann verhindern, dass harmlose Trends zu ernsthaften Erkrankungen führen..
Sollte bereits eine ernste, stationär behandlungsbedürftige psychische Erkrankung vorliegen, sollte die professionelle Hilfe gesucht werden. Als My Way® Psychiatrische Klinik wissen wir, dass Gesundheit nicht Perfektion eines Bereiches bedeuten kann, sondern eine Balance des komplexen „Gesamtwerkes Mensch“ bedingt. Kontaktieren Sie uns!.