von Melissa Celmeur

Stigma „Persönlichkeitsstörung“ – Umgang mit der Diagnose

Nachdenkliche Frau blickt aus dem Fenster, ihr Spiegelbild zeigt eine dunkle Gewitterwolke über dem Kopf als Symbol für psychische Belastung

Die Diagnose Persönlichkeitsstörung ist für viele Menschen ein Schock. Nicht nur, weil sie den Finger auf eine psychische Erkrankung legt, sondern weil sie oft mit einem gesellschaftlichen Stigma verbunden ist. Begriffe wie „manipulativ“, „unberechenbar“ oder „nicht therapierbar“ stehen im Raum – und können Betroffene hart treffen.

Dieser Beitrag richtet den Blick auf den Umgang mit der Diagnose Persönlichkeitsstörung. Was bedeutet sie tatsächlich? Wie lässt sich das Stigma einordnen? Und wie gelingt es, sich selbst nicht auf ein Etikett zu reduzieren?

Persönlichkeitsstörung – was steckt hinter dieser Diagnose?

Der Begriff Persönlichkeitsstörung umfasst verschiedene psychische Erkrankungen, bei denen fest verankerte Verhaltensmuster über lange Zeit hinweg das Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Diese Muster weichen von dem ab, was im sozialen Umfeld als „normal“ gilt, und führen häufig zu innerer Not, Konflikten oder Isolation.

Weit verbreitet und zugleich besonders stigmatisiert ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Auch die narzisstische Persönlichkeitsstörung ruft häufig klischeehafte Vorstellungen hervor. Und bei der sogenannten multiplen Persönlichkeitsstörung, die inzwischen besser bekannt ist unter der Bezeichnung DIS (Dissoziative Identitätsstörung), herrscht oft Unklarheit darüber, was sie bedeutet und wie sie sich äußert.

Das Stigma als zweite Last

Wer die Diagnose Persönlichkeitsstörung erhält, kämpft meist nicht nur mit den Symptomen selbst – sondern auch mit dem Bild, das andere damit verbinden. Das als Makel empfundene äußere Etikett kann daher schwerer wiegen als die eigentliche Erkrankung selbst. Andererseits hindert eine verschleppte Diagnose die zielgerichtete Behandlung und kann zu einer weiteren Chronifizierung „abnormen Verhaltens“ und höherem Leidensdruck führen.

Menschen mit Borderline als Persönlichkeitsstörung zum Beispiel erleben häufig Zurückweisung oder werden als „schwierig“ abgestempelt, wenn nicht sogar abgelehnt. Bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist es oft das Bild des „rücksichtslosen Egoisten“, das als Vorurteil mitschwingt. Und bei multipler Persönlichkeitsstörung wird die Erkrankung häufig gar nicht ernst genommen oder mit realitätsfernen Darstellungen verwechselt. In Filmen und Serien wird die multiple Persönlichkeitsstörung häufig dramatisch überzogen oder sensationsorientiert dargestellt. Charaktere wechseln plötzlich in völlig andere Persönlichkeiten, oft mit kriminellen oder extremen Verhaltensweisen. Diese Darstellungen verzerren das klinische Bild stark, erzeugen falsche Erwartungen und Ängste und tragen zur Stigmatisierung bei. In der Realität sind die Identitätswechsel meist subtiler, oft nur innerlich spürbar und mit starken Gedächtnislücken verbunden.

Der innere Umgang mit der Diagnose

Zu verstehen, dass man an einer Persönlichkeitsstörung leidet, kann widersprüchliche Gefühle auslösen. Manche empfinden Erleichterung, denn endlich gibt es eine Erklärung für das eigene Empfinden. Andere erleben es als Abwertung und als etwas Bedrohliches, das nicht mehr weggeht.

Dabei kann genau dieses Wissen der erste Schritt zur Veränderung sein. Denn wer versteht, was in ihm oder ihr abläuft, kann beginnen, eigene Muster zu hinterfragen. Die Diagnose Persönlichkeitsstörung ist kein Urteil über den Charakter, sondern eine Erklärung, die dabei helfen kann, sich selbst besser zu verstehen.

Bei einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zum Beispiel kann dies bedeuten, emotionale Impulse einordnen zu lernen. Bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung geht es oft darum, das verletzliche Selbstbild hinter der Fassade zu erkennen. Menschen mit multipler Persönlichkeitsstörung lernen unter anderem, verschiedene Anteile ihres Erlebens zu integrieren.

Offener oder verdeckter Umgang?

Ob man mit anderen über die Diagnose spricht, ist eine persönliche Entscheidung. Offenheit kann entlastend sein, aber sie macht auch verletzbar. Nicht jeder im Umfeld reagiert verständnisvoll.

Menschen mit Borderline-Symptomen ihrer Persönlichkeitsstörung erleben zum Beispiel oft, dass ihre Schwierigkeiten mit Nähe und Distanz missverstanden werden. Auch bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung sehen sich Betroffene häufig mit Vorurteilen konfrontiert, die tieferes Verständnis für die Erkrankung verhindern. Und Menschen mit multipler Persönlichkeitsstörung stehen immer wieder vor der Herausforderung, sich selbst und anderen erklären zu müssen, was sie innerlich erleben.

Ein achtsamer, selbstbestimmter Umgang mit der Diagnose kann helfen, sich zu schützen, ohne in Verleugnung zu geraten. Manchmal ist es klug, die Diagnose nicht sofort mit jedem zu teilen, etwa aus Angst vor Vorurteilen oder Ablehnung. Schutz heißt hier, sich nicht zu überfordern, sich Grenzen zu erlauben und den richtigen Zeitpunkt oder das passende Gegenüber zu wählen.
Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass man die Diagnose so weit wegschiebt, dass man sie nicht mehr ernst nimmt oder vor sich selbst versteckt – das wäre Verleugnung. Wer die Diagnose dauerhaft ignoriert, verhindert meist auch eine mögliche Veränderung.

Therapie als Möglichkeit zur Veränderung

Eine Persönlichkeitsstörung lässt sich nicht „abschalten“. Aber es gibt wirkungsvolle therapeutische Wege, um Symptome zu lindern und belastende Muster zu verändern.

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) ist ein etablierter Ansatz bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung bieten sich tiefenpsychologische Verfahren oder Schematherapie an. Menschen mit multipler Persönlichkeitsstörung profitieren oft von einer sicheren, haltgebenden Therapiebeziehung und von Techniken zur Stabilisierung.

In der My Way® Klinik steht der Mensch im Mittelpunkt – nicht seine Diagnose. Die Therapie nach unserem speziell entwickelten Therapiemodell erfolgt individuell, in einem geschützten Rahmen. Einzelgespräche, störungsspezifische Therapie in Kleingruppen mit Elementen der DBT und Schematherapie wie Emotionale Regulation, Zwischenmenschliche Fertigkeiten, Selbstwert/Selbstakzeptanz, Achtsamkeit, Stresstoleranz und Schemata sowie andere gruppentherapeutische Angebote inklusive ergänzender Verfahren helfen dabei, sich selbst besser zu verstehen, mit dem Stigma umzugehen und Linderung zu erfahren.

Die Diagnose als Orientierung, nicht als Urteil

Die Diagnose Persönlichkeitsstörung ist kein Makel. Sie ist ein Hinweis darauf, dass bestimmte innere Muster zu Schwierigkeiten führen, aber auch verändert werden können.

Ob Borderline-Persönlichkeitsstörung, narzisstische Persönlichkeitsstörung oder multiple Persönlichkeitsstörung, der erste Schritt ist oft der, das Etikett nicht zum Selbstbild werden zu lassen. Es geht darum, die Diagnose anzunehmen, aber sich nicht auf sie zu reduzieren. Denn hinter jedem Störungsbild steht ein Mensch mit Erfahrungen, Bedürfnissen und Ressourcen.