von Melissa Celmeur

Kontrollzwang: Wenn Sicherheitsbedürfnis zur Last wird

Haben Sie schonmal die Wohnung verlassen und sind nach wenigen Metern umgekehrt, um die Wohnungstür ein zweites, drittes, viertes Mal zu überprüfen? Dieses Szenario kennen viele, doch für Menschen mit einem ausgeprägten Kontrollzwang bleibt diese Überprüfung ohne Erleichterung, auch wenn sie noch so häufig ausgeführt wird. Die Anspannung sinkt nicht, der Gedanke kommt zurück, der Kreislauf beginnt von vorn. Was dahintersteckt, welche Ursachen eine Rolle spielen und welche Wege es aus diesem Muster herausführen, erklären wir in diesem Beitrag.

Was ist Kontrollzwang – und wann wird er zum Problem?

Kontrollzwang ist eine Form der Zwangsstörung. Betroffene verspüren einen starken, kaum unterdrückbaren Drang, bestimmte Dinge immer wieder zu überprüfen: den Herd, die Fenster, den Wasserhahn, die Haustür, ob Geräte richtig ausgeschaltet wurden oder ob das Smartphone noch funktioniert. Im Unterschied zum normalen Sicherheitsbedürfnis bringt die Kontrolle keine Beruhigung. Im Gegenteil, die Anspannung bleibt bestehen oder steigert sich sogar. Typischerweise nehmen diese Handlungen eine Stunde und mehr täglich in Anspruch und beeinträchtigen das Alltagsleben erheblich.

Das Besondere an dieser Störung: Die meisten Betroffenen wissen, dass ihr Verhalten irrational ist. Dennoch können sie den Zwang nicht abstellen. Der Versuch, ihn zu unterdrücken, verstärkt ihn oft noch.

Für Kontrollzwang liegt die Ursache oft in der Kindheit

Wie bei vielen psychischen Erkrankungen gibt es beim Kontrollzwang kein einzelnes Auslösemoment, sondern ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Biologisch betrachtet korreliert die Störung häufig mit einem Serotoninmangel im Gehirn, also einem gestörten Gleichgewicht im Neurotransmitterhaushalt. Auch eine genetische Prädisposition spielt eine Rolle.

Daneben kann Kontrollzwang seine Ursache auch in der Kindheit haben. Kinder, die beobachten, wie nahestehende Erwachsene Zwangshandlungen ausführen, lernen dieses Muster als Reaktion auf Unsicherheit kennen und übernehmen es mitunter unbewusst. Auch bestimmte Erziehungsstile können die Entwicklung begünstigen. Sowohl eine überbehütende Erziehung, bei der Kinder nie lernen, Unsicherheit auszuhalten, als auch ein Umfeld mit hohem Leistungsdruck, harten Strafen und wenig Fehlertoleranz kann langfristig Angst, Vermeidungsverhalten und letztlich Kontrollzwang fördern. Die Ursache in der Kindheit lässt sich daher selten auf einen einzigen Aspekt reduzieren. Sie ist fast immer ein Geflecht aus Lerngeschichte, Erziehungsklima und persönlicher Vulnerabilität.

Traumatische Erlebnisse, die mit dem Gefühl von Kontrollverlusts verbunden waren, können ebenfalls Auslöser sein. Der Wunsch, solche Hilflosigkeit nie wieder zu erleben, schlägt sich dann in einem zwanghaften Sicherheitsbedürfnis nieder.

Kontrollzwang innerhalb einer Beziehung

Nicht immer richtet sich der Kontrollzwang nur auf Gegenstände oder Situationen. Kontrollzwang innerhalb einer Beziehung zeigt sich, wenn eine Person das Verhalten des Partners oder der Partnerin ständig überwachen, hinterfragen oder steuern möchte. Die Wurzeln liegen hier häufig weniger in einer klassischen Zwangsstörung als vielmehr in Verlustangst, schlechten Erfahrungen aus früheren Beziehungen oder mangelndem Selbstwertgefühl. Dennoch ist die Wirkung ähnlich belastend: Kontrollzwang innerhalb der Beziehung erzeugt Misstrauen, Konflikte und zermürbt langfristig beide Seiten.

Was hilft bei Kontrollzwang? – Therapie als zentraler Baustein

Der wichtigste Schritt ist, professionelle Unterstützung zu suchen. Beim Kontrollzwang hat sich die Therapie mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen Methoden als besonders wirksam erwiesen, vor allem die sogenannte Exposition mit Reaktionsverhinderung. Betroffene setzen sich dabei gezielt und schrittweise den angstauslösenden Situationen aus, ohne die gewohnten Kontrollhandlungen durchzuführen. So lernt das Gehirn, dass die befürchteten Katastrophen ausbleiben.

Ergänzend können Entspannungsverfahren wie progressive Muskelentspannung oder Atemübungen helfen, akute Anspannung zu regulieren. In manchen Fällen wird eine medikamentöse Unterstützung in den Behandlungsplan einbezogen, zum Beispiel mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern. Je früher beim Kontrollzwang die Therapie beginnt, desto günstiger sind in der Regel die Aussichten.

Unterstützung finden – in der My Way® Privatklinik

Kontrollzwang ist kein Charakterfehler und kein Zeichen von Willensschwäche. Es handelt sich um eine behandelbare psychische Erkrankung mit nachvollziehbaren Ursachen. Ob sich der Zwang auf Gegenstände, Situationen oder als Kontrollzwang innerhalb einer Beziehung zeigt: Der Weg heraus führt fast immer über professionelle Begleitung. Den ersten Schritt zu machen, ist dabei der wichtigste, denn oft reichen Selbsthilfestrategien allein nicht aus, um aus dem Kreislauf des Kontrollzwangs herauszufinden. In der My Way® Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie werden psychiatrische und psychosomatische Erkrankungen – darunter Zwangsstörungen und Angsterkrankungen – in einem bewusst kleinen, geschützten Rahmen innerhalb eines speziellen Therapiemodells behandelt. Neben der täglichen Einzeltherapie werden insbesondere empfohlen die störungsspezifischen Therapiemodule Exposition, Schemata und Selbstmanagement.  Kontaktieren Sie uns!