F66: Diagnose der psychischen und Verhaltensstörungen in Verbindung mit der sexuellen Entwicklung und Orientierung
Die F66-Diagnose beschreibt im ICD-10 psychische Belastungen, die im Zusammenhang mit der sexuellen Entwicklung oder der sexuellen Orientierung auftreten können. Umgangssprachlich werden solche Beschwerden gelegentlich als sexuelle Entwicklungsstörung bezeichnet. Medizinisch ist dieser Begriff jedoch nicht eindeutig definiert und entspricht nicht der offiziellen ICD-10-Bezeichnung. Ebenso ist F66 keine sexuelle Verhaltensstörung, sondern beschreibt ausschließlich den psychischen Leidensdruck, der im Zusammenhang mit der sexuellen Entwicklung oder Orientierung entstehen kann. Die Richtung der sexuellen Orientierung ist nicht als Störung anzusehen.
Welche Belastungen können mit einer F66-Diagnose verbunden sein?
Die Diagnose bezieht sich auf psychische Konflikte und nicht auf die sexuelle Orientierung an sich. Im Sprachgebrauch medizinischer Laien werden entsprechende Beschwerden teilweise als sexuelle Entwicklungsstörungen bezeichnet. Mitunter fällt auch der Begriff sexuelle Verhaltensstörung, obwohl dieser medizinisch eine andere Bedeutung hat und nicht der F66-Diagnose entspricht. Viele Betroffene leiden unter Unsicherheit, Ängsten oder dem Gefühl, den Erwartungen ihres Umfelds oder der Öffentlichkeit nicht zu entsprechen.
Mögliche Beschwerden sind:
- anhaltende Unsicherheit über die eigene sexuelle Orientierung
- erheblicher seelischer Leidensdruck im Zusammenhang mit der sexuellen Identität
- Ängste, depressive Verstimmungen oder sozialer Rückzug
- Schwierigkeiten beim Aufbau partnerschaftlicher Beziehungen
- Konflikte mit dem familiären oder gesellschaftlichen Umfeld
Die Beschwerden können unterschiedlich stark ausgeprägt sein und sich im Laufe des Lebens verändern.
Welche Ursachen kommen infrage?
Nicht die sexuelle Orientierung selbst ist Auslöser der Symptome, sondern die psychischen Belastungen, die daraus entstehen können. Auch wenn Begriffe wie sexuelle Entwicklungsstörung oder sexuelle Verhaltensstörungen gelegentlich dafür verwendet werden, beschreiben sie die F66-Diagnose nur unzureichend. Insbesondere sexuelle Verhaltensstörungen werden im ICD-10 anderen Diagnosegruppen zugeordnet. Nochmals: Bei F66 stehen die seelischen Konflikte und nicht ein auffälliges Sexualverhalten im Mittelpunkt.
Ablehnung, Diskriminierung, gesellschaftlicher Druck oder innere Konflikte können dazu beitragen, dass sich erheblicher Leidensdruck entwickelt. Auch fehlende soziale Unterstützung spielt häufig eine Rolle.
Die wissenschaftliche Sichtweise hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Heute gilt als gesichert, dass unterschiedliche sexuelle Orientierungen Teil der natürlichen menschlichen Vielfalt sind und keiner Behandlung bedürfen.
Welche Unterstützung kann hilfreich sein?
Steht bei Betroffenen eine psychische Belastung im Vordergrund, kann eine psychotherapeutische Begleitung helfen, Ängste abzubauen, das Selbstwertgefühl zu stärken und einen selbstbestimmten Umgang mit der eigenen Lebenssituation zu entwickeln. Ziel ist dabei niemals die Veränderung der sexuellen Orientierung, sondern die Bewältigung des persönlichen Leidensdrucks.
Psychotherapeutische Unterstützung kann hilfreich sein, wenn Ausgrenzung, Vorurteile oder belastende Lebenserfahrungen zu erheblichem seelischem Leidensdruck führen. Im Mittelpunkt der Behandlung stehen dabei immer die individuellen psychischen Beschwerden und nicht die sexuelle Orientierung.
Im ICD-10 wird die F66-Diagnose unterteilt in:
- F66.0 Sexuelle Reifungskrise, vorübergehende Unsicherheit oder Belastung während der Entwicklung der eigenen sexuellen Orientierung oder Identität.
- F66.1 Ichdystone Sexualorientierung, die sexuelle Orientierung wird nicht infrage gestellt, aber als belastend erlebt.
- F66.2 Sexuelle Beziehungsstörung, zwischenmenschliche Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der sexuellen Orientierung
- F66.8 Sonstige psychische und Verhaltensstörungen in Verbindung mit der sexuellen Entwicklung und Orientierung
- F66.9 Psychische und Verhaltensstörung in Verbindung mit der sexuellen Entwicklung und Orientierung, nicht näher bezeichnet