von Melissa Celmeur

Höhenangst: nur Unbehagen oder schon Akrophobie?

Person blickt von einem Hochhaus in die Tiefe einer Großstadt – als Ausdruck der Höhenangst liegt ein halbtransparentes Schreckensgesicht auf der Szene

Ein flaues Gefühl auf einer hohen Aussichtsplattform oder beim Blick aus einem Hochausfenster kennen viele Menschen. Eine gewisse Höhenangst ist sogar sinnvoll, denn sie schützt vor riskantem Verhalten, zum Beispiel beim Klettern im Gebirge. Anders verhält es sich bei einer Akrophobie. Dabei löst bereits der Aufenthalt in einer objektiv sicheren Höhe oder der Anblick von räumlicher Tiefe intensive Angst aus. Die Reaktion steht in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Gefahr und kann den Alltag erheblich einschränken. Ebenso können Schlafstörungen begünstigt werden.

Was genau ist Akrophobie?

Die Akrophobie gehört zu den spezifischen Phobien. Betroffene erleben ausgeprägte Angst oder sogar Panik, sobald sie sich in einer gewissen Höhe befinden oder eine entsprechende Situation erwarten. Entscheidend dabei ist, dass die wahrgenommene Bedrohung deutlich größer ist als das tatsächliche Risiko.

Viele Menschen setzen Höhenangst und Akrophobie gleich. Medizinisch gibt es jedoch einen wichtigen Unterschied. Ein mulmiges Gefühl auf einem hohen Gerüst oder an einer steilen Klippe ist eine normale Schutzreaktion. Von einer Akrophobie spricht man erst dann, wenn die Angst über längere Zeit anhält, zu ausgeprägtem Vermeidungsverhalten führt und das Leben spürbar beeinträchtigt.

In ausgeprägten Fällen genügt bereits der Anblick von Fotos oder Videos aus großer Höhe, um Unwohlsein auszulösen. Dadurch kann sich die Höhenangst immer weiter auf den Alltag ausweiten.

Welche Beschwerden treten bei einer Akrophobie auf?

Die Symptome entstehen durch die Aktivierung des körpereigenen Alarmsystems. Typisch sind Herzrasen, Zittern, Schwitzen oder Atembeschwerden. Viele Betroffene berichten außerdem über Übelkeit oder Schwindel. Dieser entsteht häufig nicht durch die Höhe selbst, sondern als Folge der Angstreaktion und der veränderten Körperhaltung.

Nicht selten kommt es zu einer starken Muskelanspannung. Manche Menschen bleiben wie erstarrt stehen und können sich kaum noch bewegen. Andere klammern sich am Geländer fest oder suchen möglichst schnell einen Fluchtweg.

Mit der Zeit entwickelt sich häufig ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten. Brücken werden umgangen, Aufzüge mit Glasfronten gemieden oder Reisen abgesagt, weil bestimmte Sehenswürdigkeiten oder Aussichtspunkte Angst auslösen könnten. Dadurch kann Höhenangst den privaten und beruflichen Alltag zunehmend einschränken.

Wie lässt sich Höhenangst überwinden?

Natürlich wünschen sich Betroffene, ihre Höhenangst überwinden zu können und versuchen dies zunächst allein. Häufig führt das dazu, dass angstauslösende Situationen immer häufiger vermieden werden. Kurzfristig entsteht dadurch Erleichterung, langfristig kann sich die Angst jedoch weiter verfestigen.

Ein wichtiger Bestandteil einer erfolgreichen Behandlung ist deshalb die schrittweise und kontrollierte Konfrontation mit den gefürchteten Situationen. Dieses Verfahren wird Expositionstherapie genannt und findet meist im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie statt. Ziel ist es, neue Erfahrungen zu ermöglichen und zu erleben, dass die befürchtete Katastrophe ausbleibt.

Auch moderne Verfahren mit virtueller Realität gewinnen zunehmend an Bedeutung. Mithilfe spezieller VR-Anwendungen können Betroffene sich unter therapeutischer Begleitung Schritt für Schritt an Höhen annähern, ohne sich einer realen Gefahr auszusetzen. Das kann den Einstieg in die Behandlung erleichtern und dabei helfen, Höhenangst überwinden zu lernen.

Welche Rolle bei Höhenangst professionelle Therapie?

Leidet jemand an Höhenangst kann eine frühzeitige Therapie verhindern, dass sich die Angst weiter ausbreitet und immer mehr Lebensbereiche beeinflusst. Welche Behandlung sinnvoll ist, hängt unter anderem von der Ausprägung der Beschwerden und den individuellen Lebensumständen ab. Eine sorgfältige Diagnostik bildet deshalb die Grundlage jeder Therapieplanung.

Viele Menschen erleben nach einer professionellen Behandlung eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität. Das Ziel besteht nicht darin, jede Unsicherheit in der Höhe vollständig zu beseitigen. Vielmehr geht es darum, die Angst wieder auf ein normales Maß zu reduzieren, um den Alltag ohne ständige Einschränkungen bewältigen zu können.

Wer seine Höhenangst überwinden möchte und den Eindruck hat, dass die Beschwerden das eigene Leben zunehmend bestimmen, sollte professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen. Die My Way® Psychiatrische Klinik begleitet von Höhenangst Betroffene mit einer Therapie, deren Konzept individuell abgestimmt wird und auf einen Weg zu mehr Sicherheit und Lebensqualität führt.

ICD-10 Unterkategorien der spezifischen Phobien

Die Akrophobie wird im ICD-10 der Diagnose „F40.2 Spezifische (isolierte) Phobien“ zugeordnet. Innerhalb dieser Kategorie werden verschiedene einzelne Phobien zusammengefasst. Eine eigene Unterziffer ausschließlich für Höhenangst existiert nicht. Die Diagnose wird anhand der typischen Symptome, des ausgeprägten Vermeidungsverhaltens sowie der erheblichen Einschränkung im Alltag gestellt. Betroffene erleben die Angst meist als übermäßig, können sie jedoch ohne therapeutische Unterstützung häufig nicht kontrollieren.